The School of Good Knowledge

Die School of Good Knowledge liegt nicht wirklich in Afghanistan. Sie liegt in den westlichen Randbezirken der iranischen Hauptstadt Teheran. Hier unterrichten engagierte Ehrenamtliche aus der Stadt Flüchtlingskinder aus dem benachbarten Afghanistan, die im Iran keinen Anspruch auf den Besuch einer staatlichen Schule haben. Schätzungsweise leben im ganzen Land zwischen 2 und 3 Mio. Einwanderer aus dem Nachbarland, genaue Zahlen kennt niemand. Auch in zweiter Generation bekommen die Afghanen keinen Zugang zu Bildung und damit auch nicht zum regulären Arbeitsmarkt, selbst die Kinder der vor Jahrzehnten Geflüchteten haben also keine Aussicht jemals ein geregeltes Leben im Iran führen zu können.

Ich wurde von Reza, einem der Ehrenamtlichen, eingeladen, ihn in der Schule zu besuchen und zu sehen, wie er und seine Kolleginnen den ca. 250 Schülerinnen und Schülern Englisch beibringen. Allein die über 2-stündige Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch den mörderischen Verkehr des 18-Millionen Molochs Teheran ist nervenzerfetzend und wahnsinnig anstrengend. Alle Kollegen nehmen diese Tortur regelmäßig auf sich, was allein schon große Anerkennung verdient. Rezas Kolleginnen, an diesem Tag Anahita und Azadeh, sind mit demselben Feuereifer dabei wie Reza selbst. Sie wollen den Menschen ein Stück ihrer Würde zurückgeben und wenigstens für ein Mindestmaß an Bildung sorgen.

Wie im Iran üblich werden die Schüler auch in der School of Good Knowledge getrennt nach Geschlechtern unterrichtet. Alle haben Uniformen an, die Jungs dunkelblaue Hosen und ein hellblaues Hemd, das Dress der Mädchen wird mit einem taubenblauen Kopftuch abgerundet. Bei Anahita geht es heute für die ganz kleinen Jungs um das lateinische Alphabet. In dem viel zu kleinen Raum drängen sich bis zu drei Schüler auf eine Schulbank, es ist heiß, der Ventilator rattert. Der Reihe nach werden Schüler nach vorne gerufen, um dort Buchstaben an die Tafel zu schreiben. Das ist nicht so einfach, es scheitert oft schon daran, dass die Stifte nicht so recht funktionieren, aber auch an nicht gemachten Hausaufgaben und fehlendem Arbeitsmaterial Zuhause.

Es sei sowieso schon ein kleines Wunder, dass die Eltern ihre Kinder überhaupt hierherschicken, sagen die Lehrerinnen, schließlich müssen die Kids oft zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Die Väter verdingen sich als Tagelöhner auf dem Bau, in der Gastro, auf Teherans gigantischen Bazar und überall dort, wo sonst noch billige Arbeitskräfte gebraucht werden, während sich ihre Kinder durch übervolle U-Bahnen und Busse quälen oder sich durch den dichten Verkehr schlängeln, beladen mit schweren Plastiktaschen, um daraus allerlei Billigware wie Selfiesticks, Kopfhörer oder auch Plüschtiere zu verkaufen. Auf meinem Weg zur Schule habe ich einen Jungen gesehen, der rote Pappnasen verkaufte. Ein zynisches Bild. Das sind oft die Kinder der Einwanderer aus Afghanistan, bestätigt Anahita. Unter solchen Umständen bekommen Hausaufgaben, ja Schulbesuche insgesamt einen ganz anderen Stellenwert.

Der Unterricht geht weiter bis Suleiman über das kleine e stolpert. Er schafft es nicht, den Buchstaben für die Lehrerin zufriedenstellend an die Tafel zu bringen. Nervös trippelt er von einem Fuß auf den anderen, seine Mitschüler lachen. Ich kann ihn ganz gut verstehen: In einem Sprachkurs zur Vorbereitung auf diese Reise und zum besseren Verständnis meiner Hamburger Schüler habe ich versucht, dem persischen Alphabet Herr zu werden. Bei meinen unbeholfenen Schreibversuchen wurde ich oft von meinem gestrengen Lehrer gerügt: ‚Am besten lernt man durch Wiederholung’, sagte er dann und forderte mich auf, immer weiter das persische Wort für Wasser (āb) in mein Heft zu schreiben:

اب, اب,اب 

Eine halbe Seite später war mein kalligraphischer Ausdruck dann in den Augen des nach Perfektionismus strebenden Lehrermeisters in Ordnung und es ging weiter mit Papa (baba). Es ist gar nicht so einfach, ein fremdes Alphabet zu lernen. Mich haben schon die zwei simplen Buchstaben a und b an den Rand der Verzweiflung gebracht.

Bohrende Ermahnungen bleiben Suleiman heute erspart. Anahita korrigiert und beendet die Stunde. In der Pause stellt Reza mir Shabana vor. Sie ist 19 und die beste Schülerin der School of Good Knowledge. Ihr Englisch ist super und so kommen wir ins Plaudern. Ihre Geschichte erinnert mich sehr an die der Schüler, die ich aus meiner Hamburger Schule kenne: Geflohen mit ihrer Familie aus Afghanistan vor Krieg, Terror, Chancen- und Arbeitslosigkeit, in den Iran gekommen über die grüne Grenze zu Pakistan mithilfe eines Schleppers. Gelandet ist Shabana schließlich in diesem trostlosen Vorort Teherans, wo sie mit vielen anderen Leidensgenossen aus ihrem Heimatland lebt. In Anbetracht der Umstände hier kann ich verstehen, warum die Eltern meiner Schüler sich entschlossen haben, weiterzuziehen, oder, und auch das gibt es oft, ihre Kinder alleine zu schicken, um später selbst nachzukommen, wenn die Umstände es zulassen.

Dass diese Situation schwer zu ertragen ist, weiß auch Reza und der iranische Staat weiß es auch. Das Bildungswesen sei zwar insgesamt gut, aber die Kapazitäten reichen schlicht nicht aus, erzählt er. Der Iran hat selbst große Probleme, das Land kann diese Aufgabe nicht alleine stemmen. Als Zeichen des guten Willens, beschloss das Bildungsministerium in diesem Jahr allen Flüchtlingen aus Afghanistan im schulpflichtigen Alter den Zugang zu staatlichen Schulen zu ermöglichen. Ein Lippenbekenntnis, passiert sei bisher nichts, die School of Good Knowledge hat mehr Zulauf denn je.

Auch Shabana weiß all das und ist verzweifelt. Sie sagt, selbst wenn sie jetzt noch eine iranische Schule besuchen dürfte, würde sie doch nie für eine Uni zugelassen werden. Sie wollte immer Ärztin werden, um später den Menschen in Afghanistan zu helfen. Sie weiß, dass sich dieses Ziel hier nicht erreichen lässt und deshalb fragt sie vorsichtig, ob es vielleicht eine Möglichkeit gibt, nach Deutschland zu kommen.

Auf diese Frage hätte ich vorbereitet sein müssen. Ich kann sie nicht beantworten. Hilflos suche ich nach einer passenden Antwort, wissend, dass es für Menschen wie Shabana wohl nahezu unmöglich ist, legal nach Deutschland einzureisen. Sie ist 19, hat keinen Schulabschluss und keine Berufsausbildung. Mir bricht es das Herz. Gerne würde ich ihr von den Erfolgsgeschichten der afghanischen Schüler an meinem Hamburger Gymnasium erzählen, die eine ähnliche Biographie haben wie sie: Von Stipendien für Eliteinternate und bestandenen Prüfungen, von Zugangsberechtigungen für deutsche Unis, von Familiennachzug und Arbeitserlaubnissen für die Eltern. Doch das tue ich nicht, ich will sie nicht ermutigen, die Flucht nach Westen fortzusetzen. Denn ich kenne auch die Geschichten derer, die nicht soviel Glück hatten. In denen geht es um lebensgefährliche Überfahrten, langes und bleiernes Warten in vorübergehenden Unterkünften in verschiedenen europäischen Ländern, Suizidversuche aus Heimweh und Einsamkeit, um Familientragödien, Depressionen und permanente Angst vor Abschiebung. Aber auch davon erzähle ich nichts. Ich sage nur, dass es dieser Tage für Flüchtlinge aus Afghanistan schwer möglich ist, in Deutschland überhaupt anzukommen.

Shabana ist enttäuscht. Zurecht. Da kommt jemand den weiten Weg aus Deutschland, nur um ihr diese Nachricht zu überbringen. Es ist unfair, dass ein offenbar sehr talentiertes, weltoffenes und intelligentes Mädchen nicht die Chancen erhält, die für mich selbst selbstverständlich waren und die für alle deutschen Schüler selbstverständlich sind.

Was also tun? Reza verspreche ich, mich nach meiner Rückkehr nach Deutschland um Stifte zu kümmern. Außerdem bin ich zuversichtlich, dass meine Schule noch ein paar Englischbücher entbehren kann. Ich befürchte allerdings, dass ein paar Stifte und ein paar Bücher Menschen wie Shabana nicht zum Bleiben bewegen werden. In ihren Augen funkelt Entschlossenheit. Sie wird ihr Schicksal nicht einfach so akzeptieren, sie wird versuchen rauszukommen aus diesem tristen Teheraner Randbezirk und es woanders versuchen. Auch hat Sie keine Zeit darauf zu warten, dass sich die Bedingungen in ihrer Heimat bessern. Sie will leben und deshalb wird sie aller Schwierigkeiten und Gefahren zum Trotz ebenfalls aufbrechen und ihr Glück in Westeuropa suchen.  Wer kann es ihr verdenken? Ich jedenfalls nicht.

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