Aus aktuellem Anlass: Ein Brief an meine Klasse

Liebe 10d,

ich schreibe Euch diese Zeilen aus Krakau. Eine wunderschöne Stadt in Südpolen. Fahrt mal hin. Mariusz, Aleks und Fabian geben sicher gute Reiseführer ab. Hier gibt es nette Menschen, gutes Essen, viele Partys – ganz nach Eurem Geschmack. In der näheren Umgebung befindet sich allerdings ein Ort, der ist alles andere als nett: Oświęcim, besser bekannt als Auschwitz. Hier haben die Deutschen während ihrer Besatzung in Polen das berüchtigtste Vernichtungslager von allen errichtet und unvorstellbare Gräuel verübt.

Ich ahnte schon immer, dass Bücher und Texte von Überlebenden zwar ein gutes Bild von dem vermitteln können, was in den Lagern geschah, nicht aber das ganze unbegreifliche Ausmaß der Vernichtung für den Einzelnen erfahrbar machen können. Das wird erst deutlich, wenn man plötzlich selbst an diesem Ort steht und begreift, wie ungeheuer kalt, menschenverachtend und zynisch diejenigen gewesen sein müssen, die all das in seinen nicht zu fassenden Dimensionen geplant, organisiert und durchgesetzt haben. Ich bin traurig, fassungslos und völlig fertig nach diesem Tag, und weil wir es nicht geschafft haben, gemeinsam einen dieser Orte des Schreckens zu besuchen, wünschte ich, ihr könntet Euch heute gemeinsam mit mir hilflos und deprimiert fühlen. Das ist vielleicht ein merkwürdiger Wunsch, schließlich möchte ich nicht, dass es Euch schlecht geht, aber seit heute weiß ich, dass ein Besuch in Auschwitz eine wichtige Erfahrung im Leben eines Menschen ist. Dieser Ort lässt sich mit dem Verstand nicht einfangen, er fordert ihn heraus und stellt Fragen, die wir nicht beantworten können. Ich zumindest habe keine Antwort auf die Frage, wie Menschen kalt lächelnd anderen Menschen ins Gesicht schauen und sie mit einer knappen Handbewegung in den Tod schicken können. War es die Uniform und die Macht, die sie ihren sadistischen Trägern verlieh? Der Rassenwahn? Und hätte der Rassist, der Nazi, der deutsche Soldat, der über Leben und Tod entschied, nicht im Augenblick seiner Entscheidung in den Augen seiner Opfer etwas Menschliches erkennen müssen, das ihn an sein eigenes Menschsein erinnert, ihn hätte abbringen müssen von seiner mörderischen Tat? Offenbar nicht, denn am Ende waren alleine in Auschwitz zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen tot.

Ich beschreibe Euch mal, was ich heute sah. Die Tour begann im sogenannten Stammlager Auschwitz I. Ab 1940 internierten die Deutschen hier Häftlinge aus Polen, der Sowjetunion und Deutschland. Juden zumeist, aber auch andere, dem dritten Reich nicht genehme Menschen. Die Lagerleitung experimentierte mit verschiedenen Massentötungsmethoden im Keller einer Baracke. Am Ende befinden die Mörder das Gas Zyklon B, ein Insektenvernichtungsmittel, für geeignet, die so genannte Endlösung der Judenfrage herbeizuführen. Übrigens ein Mittel, das in Hamburg hergestellt wurde und durch dessen plötzliche große Nachfrage die Hersteller gut verdienten. Während dieser Experimentierphase gab es im Stammlager fortlaufend Erschießungen von Häftlingen an der Schwarzen Wand mitten im Lager. Auf einer Fläche von wenigen Quadratmetern fanden mindestens 20 000 Menschen den Tod durch Kugeln abgefeuert aus deutschen Gewehren von Soldaten der SS.

Das Schlimmste sollte aber erst noch kommen. Die Tour ging weiter ins Lager Auschwitz II (Birkenau). Hier begann ab 1942 die industrielle und systematische Tötung von Juden und in den Augen der Nazis unwerten Lebens in Gaskammern. Züge von überall aus den von Deutschland besetzten Gebieten erreichten das Lager. Aus der Slowakei, aus Tschechien, aus Polen, aus Rumänien, aus Frankreich, vom Balkan, aus Griechenland, der Sowjetunion und schließlich aus Ungarn. Die Waggons, vollgestopft mit Menschen, die seit Tagen in der Enge ohne Wasser und Nahrung aushalten mussten, fuhren durch das markante Eingangstor des Lagers, um an der so genannten Rampe zu stoppen. Rausgelassen wurden sie aber noch nicht. Sie mussten warten, bis ihr Waggon an der Reihe war. Aus den Fenstern sahen sie aus großen Schloten schwarzen Rauch aufsteigen. Nicht weit weg, nur ein paar Hundert Meter vom Zug entfernt. Die Asche regnete auf ihre Waggons und den Ersten muss hier bereits gedämmert haben, was da in den Öfen brannte und diesen dichten Qualm erzeugte.

Dann öffneten SS-Leute die Türen. Alles, was die Deportierten noch nicht bei ihrer Verladung in ihren Heimatländern hatten abgeben müssen, mussten sie jetzt abgeben und sich unter dem Gebrüll von Soldaten und dem Gebell von aggressiven Hunden aufstellen, um von Lagerärzten kurz begutachtet zu werden. Diese schickten bis zu 75 Prozent eines jeden Waggons direkt in die Gaskammern, alle anderen waren in ihren Augen noch in der Lage zu arbeiten. Oft in den Krematorien, um dort die Leichen ihrer Angehörigen und Freunde zu verbrennen.

Die Nazis haben versucht, das Lager kurz vor der Befreiung durch die sowjetische Armee zu zerstören, doch das gelang ihnen nur zu Teil. Das Tor, die Gleise, die Rampe, die Gaskammern und Krematorien, die Baracken und Waschräume für die Häftlinge sind wenigstens teilweise erhalten und lassen die Besucher eindrucksvoll verstehen, was hier Unaussprechliches passierte.

Hier stehe ich heute am 12. Oktober. Es ist knapp über null Grad, und ich habe keine Winterklamotten dabei. Ich friere, aber ich weiß, dass ich heute Abend eine heiße Dusche nehmen kann und in einem warmen Bett schlafen werde. Für die Häftlinge nach ihrer Ankunft im Lager in Auschwitz war das undenkbar. Frieren bis in den Tod. Keine Wärme, keine Geborgenheit, keine Sauberkeit, keine Sicherheit. Nie wieder in ihrem Leben.

Es ist umso entsetzlicher, dass einige Leute in Deutschland heute wieder nach Volk und Vaterland schreien, nach einem starken Mann, der das Land rein hält von allem, was von außen kommt. Mir ist schon vorher jedes Mal, wenn ich deren Gesichter auf Plakaten oder im Fernsehen sah, ein bisschen Kotze hochgekommen. Nach heute glaube ich, die meisten, die solche Sprüche reißen, wissen einfach nicht, was sie sagen. Oder was meint Ihr? Schließlich sind die Mörder von damals auch nicht mit Raumschiffen auf der Erde gelandet – es waren ganz normale Menschen.

Ich bin zwar nur kurz in die Rolle Eures Geschichtslehrers geschlüpft, aber Ihr wisst, ich bin ein Freund des Common Sense. Und der gesunde Menschenverstand sagt mir, dass unser aller kleinster gemeinsamer Nenner nur sein kann, ein zweites Auschwitz zu verhindern. Bleibt bunt, bleibt so wir Ihr seid, bereichert unser Land und sagt allen, die Euch auf Eure Herkunft reduzieren wollen, sie sollen Ihr verdammtes Maul halten.

Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch Ein Deutsches Klassenzimmer

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